Altgesellenregelung: Ab wann bist du Altgeselle und was kostet der Antrag?
Kurzantwort: Altgeselle ist, wer die Gesellenprüfung bestanden und danach mindestens sechs Jahre im Handwerk gearbeitet hat, davon vier Jahre in leitender Stellung. Dann erlaubt dir die Altgesellenregelung in § 7b der Handwerksordnung die Selbstständigkeit ohne Meisterprüfung. Den Antrag stellst du bei der Handwerkskammer. Wer die Voraussetzungen belegt, bekommt die Ausübungsberechtigung, ein Ermessen gibt es nicht. Die Gebühr legt jede Kammer selbst fest, bei der HWK Heilbronn-Franken sind es zum Beispiel 300 € plus 150 € für die Eintragung in die Handwerksrolle.
Was die Altgesellenregelung ist: die Ausnahme von der Meisterpflicht
Für Friseure gilt die Meisterpflicht: Das Friseurhandwerk ist zulassungspflichtig, und wer selbstständig schneidet, färbt und frisiert, muss in die Handwerksrolle eingetragen sein. Der klassische Weg dorthin ist der Meisterbrief. Seit der Handwerksreform 2004 gibt es einen zweiten: Wer lange genug im Beruf ist und dabei Verantwortung getragen hat, darf sich auch ohne Meisterprüfung eintragen lassen. Das Gesetz nennt das „Ausübungsberechtigung nach § 7b HwO“, in der Branche heißt es Altgesellenregelung.
Die Regelung gilt für fast alle zulassungspflichtigen Handwerke der Anlage A. Ausgenommen sind nur die Nummern 12 und 33 bis 37, also Schornsteinfeger und die fünf Gesundheitshandwerke: Augenoptiker, Hörakustiker, Orthopädietechniker, Orthopädieschuhmacher und Zahntechniker. Das Friseurhandwerk steht unter Nummer 38 und ist nicht ausgenommen. Für Friseure gilt die Regelung deshalb uneingeschränkt, auch für Barber.
Der Gedanke dahinter: Sechs Jahre Praxis, davon vier mit eigener Entscheidungsbefugnis, belegen dieselben Fähigkeiten, die eine Meisterprüfung abfragt. Die Kammer prüft deshalb keine Fachkenntnisse, sondern Zeiten und Nachweise.
Ein Wort zur Sprache: Das Gesetz kennt nur den „Altgesellen“. Wir nutzen das Wort als Rechtsbegriff für alle, auch wenn die meisten, die diesen Weg gehen, Friseurinnen sind.
Wer gilt als Altgeselle: die drei Voraussetzungen
Altgeselle ist nach § 7b Abs. 1 HwO, wer alle drei Bedingungen erfüllt:
- eine bestandene Gesellenprüfung im selben oder in einem verwandten Handwerk (oder eine entsprechende Abschlussprüfung),
- danach sechs Jahre Berufstätigkeit in diesem Handwerk,
- davon vier Jahre in leitender Stellung.
Außerdem muss deine Arbeit mindestens eine wesentliche Tätigkeit des Handwerks umfasst haben. Wer im Salon schneidet, färbt oder frisiert, erfüllt das.
1. Die bestandene Gesellenprüfung
Die Prüfung muss in dem Handwerk abgelegt sein, das du später betreiben willst, für Friseure also die Gesellenprüfung im Friseurhandwerk. Eine gleichwertige Abschlussprüfung nach dem Berufsbildungsgesetz oder ein anerkannter ausländischer Abschluss zählt ebenso. Bei einem ausländischen Abschluss zählt die Berufserfahrung aber erst ab der Anerkennung (Gleichwertigkeitsfeststellung). Ohne diese Prüfung gibt es keinen Altgesellen, egal wie lang die Praxis ist.
2. Sechs Jahre Berufstätigkeit im Handwerk
Die sechs Jahre beginnen nach der Gesellenprüfung. Die Ausbildungszeit davor zählt nicht mit. Es müssen keine sechs Jahre am Stück sein: Zeiten in verschiedenen Salons, mit Unterbrechungen dazwischen, werden zusammengerechnet. Wie Teilzeit, Elternzeit oder längere Krankheit angerechnet werden, regelt das Gesetz nicht ausdrücklich; die Kammer entscheidet im Einzelfall. Rechne vorsichtig und frag bei der Vorberatung nach.
3. Davon vier Jahre in leitender Stellung
Das ist die Voraussetzung, an der die meisten Fragen hängen, und das Gesetz definiert sie in § 7b Abs. 1 Nr. 2 HwO: Leitend ist, wem „eigenverantwortliche Entscheidungsbefugnisse in einem Betrieb oder in einem wesentlichen Betriebsteil“ übertragen worden sind. Ein Titel ist nicht nötig. Salonleitung und Filialleitung sind der klassische Fall, aber auch wer ohne Titel eigenständig Personal einteilt, Termine plant, einkauft, die Kasse führt, Preise festlegt oder Auszubildende anleitet, kann die Voraussetzung erfüllen. Viele „Alleingesellen“, die den Laden praktisch allein führen, erfüllen sie, ohne es zu wissen.
Die vier Jahre müssen innerhalb der sechs Jahre liegen, nicht zusätzlich dazu. Wer sechs Jahre gearbeitet hat und davon vier Jahre leitend, ist Altgeselle. Wer zehn Jahre gearbeitet hat und davon vier leitend, auch.
Der Nachweis ist der Knackpunkt. Das Gesetz erlaubt ihn „durch Arbeitszeugnisse, Stellenbeschreibungen oder in anderer Weise“. In der Praxis heißt das: Die Kammer will schwarz auf weiß sehen, welche Verantwortung du hattest. Ein Zeugnis, in dem nur „war als Friseurin tätig“ steht, reicht nicht.
Ab wann ist man Altgeselle?
Die Voraussetzungen erfüllst du an dem Tag, an dem nach der Gesellenprüfung sechs Jahre Berufstätigkeit zusammengekommen sind, davon vier in leitender Stellung. Selbstständig arbeiten darfst du aber erst, wenn dir die Ausübungsberechtigung erteilt ist und die Kammer dich in die Handwerksrolle eingetragen hat. Der Antrag stellt fest, was du zu diesem Zeitpunkt schon bist. So sieht das in Jahren aus:
Lena bestand 2018 ihre Gesellenprüfung. Von 2018 bis 2020 arbeitete sie als Gesellin in einem großen Salon, ohne besondere Verantwortung. 2020 wechselte sie in einen kleinen Salon mit zwei Stühlen, in dem sie seitdem allein öffnet, Termine plant, bestellt und die Tageskasse abrechnet, während die Inhaberin nur an zwei Tagen pro Woche im Laden ist.
| Zeitraum | Tätigkeit | zählt zu den 6 Jahren Praxis | zählt zu den 4 Jahren Leitung |
|---|---|---|---|
| 2018–2020 | Gesellin ohne Verantwortung | 2 Jahre | – |
| 2020–2024 | faktisch alleinverantwortlich | 4 Jahre | 4 Jahre |
| Summe | 6 Jahre | 4 Jahre |
Seit 2024 erfüllt Lena die Voraussetzungen. Sie kann den Antrag stellen, sobald ihre frühere und ihre jetzige Chefin die Tätigkeiten schriftlich bestätigen. Friseure, die nachrechnen wollen, ob die eigenen Jahre reichen, machen das mit dem Check Altgesellenregelung Friseur: fünf Fragen, keine Anmeldung, das Ergebnis bleibt im Browser.
Was ein Altgeselle mit der Ausübungsberechtigung darf, und was nicht
Mit der Ausübungsberechtigung wirst du in die Handwerksrolle eingetragen. Ab dann darfst du:
- einen eigenen Friseurbetrieb anmelden und führen, mit eigenem Laden oder am gemieteten Stuhl;
- Mitarbeiter beschäftigen;
- als Betriebsleiterin oder Betriebsleiter für einen fremden Betrieb eingetragen werden.
Was du nicht darfst: den Titel „Friseurmeister“ führen. Die Ausübungsberechtigung ersetzt den Meisterbrief als Voraussetzung für die Eintragung, nicht den Abschluss. Wer ausbilden will, braucht zusätzlich Teil IV der Meisterprüfung oder die Ausbildereignungsprüfung (§ 22b Abs. 2 Nr. 2 HwO). Für Meister ist das Teil der Prüfung, als Altgeselle legst du sie gesondert ab.
Für die Selbstständigkeit spielt der fehlende Titel keine Rolle. Kundinnen buchen Haarschnitte, keine Urkunden. Und ein Salon, der einen Stuhl vermietet, fragt nach der Eintragung, nicht nach dem Weg dorthin.
Antrag, Kosten und Dauer bei der Handwerkskammer
Zuständig ist die Handwerkskammer, in deren Bezirk dein künftiger Betrieb liegt, nicht die, bei der du gelernt hast. Der Antrag läuft in vier Schritten:
- Vorberatung. Frag deine Kammer vor dem Antrag, ob die Unterlagen reichen. Das lohnt sich, weil ein abgelehnter Antrag Zeit und Gebühren kostet.
- Unterlagen einreichen. Gesellenbrief, lückenloser Lebenslauf mit Beschäftigungszeiten, Arbeitszeugnisse oder Tätigkeitsbescheinigungen für jede Stelle, Nachweise über die leitende Tätigkeit, Personalausweis.
- Prüfung durch die Kammer. Sie rechnet die Zeiten nach und bewertet die Nachweise. Fehlt etwas, fragt sie nach, meist nach einer genaueren Beschreibung der Verantwortungsbereiche.
- Bescheid. Sind die Voraussetzungen belegt, muss die Berechtigung erteilt werden; ein Ermessen gibt es nicht. Je nach Bundesland entscheidet die Kammer selbst oder eine Landesbehörde nach Anhörung der Kammer. Gegen einen ablehnenden Bescheid kannst du Widerspruch einlegen.
Die Gebühr legt jede Kammer selbst fest. Bei der HWK Heilbronn-Franken kostet die Ausübungsberechtigung zum Beispiel 300 €, eine Ablehnung 150 €. Wie lange die Bearbeitung dauert, sagt dir deine Kammer bei der Vorberatung. Mit der Ausübungsberechtigung beantragst du dann die Eintragung in die Handwerksrolle, die eine eigene Gebühr kostet (in Heilbronn 150 €).
Anträge scheitern in der Praxis an drei Dingen: an Zeugnissen, die Aufgaben statt Entscheidungsbefugnisse beschreiben; an Lücken in den sechs Jahren; an falsch gerechneter Teilzeit. Wie du das vor dem Antrag abfängst, mit einem Muster für die Tätigkeitsbescheinigung, in der dein früherer Salon die Verantwortungsbereiche konkret ankreuzt, steht im Check Altgesellenregelung Friseur mit Antragspaket.
Geselle, Altgeselle, Meister: der Unterschied
Als Geselle hast du die Gesellenprüfung bestanden. Damit darfst du im Friseurhandwerk angestellt arbeiten, aber keinen eigenen Betrieb führen und nicht selbstständig am gemieteten Stuhl schneiden. Altgeselle wirst du, wenn danach sechs Jahre Praxis zusammengekommen sind, davon vier leitend. Als Altgeselle und als Meister kommst du in die Handwerksrolle und darfst einen Betrieb führen. Die beiden Wege unterscheiden sich in Dauer, Kosten, Titel und Ausbildungsrecht:
| Kriterium | Altgeselle (§ 7b HwO) | Meister |
|---|---|---|
| Voraussetzung | Gesellenprüfung, 6 Jahre Praxis, 4 leitend | Gesellenprüfung, Meisterkurs, 4 Prüfungsteile |
| Dauer bis zur Eintragung | einige Wochen nach Antrag | 1–3 Jahre Vorbereitung |
| Kosten | Gebühr je nach Kammer, z. B. 300 € + 150 € Eintragung (HWK Heilbronn-Franken) | rund 7.300–11.800 € für Kurs und Prüfung, Förderung über Aufstiegs-BAföG (Meisterbrief Friseur: Kosten) |
| Ergebnis | Eintragung in die Handwerksrolle | Eintragung in die Handwerksrolle, Meistertitel |
| Ausbilden | nur mit gesonderter Ausbildereignung | enthalten |
| Wer | erfahrene Gesellen mit belegbarer Verantwortung | alle mit Gesellenprüfung, unabhängig von der Berufserfahrung |
Wer die Jahre hat, für den ist die Altgesellenregelung der schnellere und günstigere Weg. Wer sie nicht hat, kommt um den Meister nur mit einem angestellten Betriebsleiter oder einer Ausnahmebewilligung nach § 8 HwO herum, und die gibt es nur im begründeten Einzelfall. Alle Wege ohne Meister im Vergleich stehen im Ratgeber Friseur ohne Meister.
Für wen die Regelung nicht gilt
Kosmetik, Nageldesign, Make-up und Wimpernstyling brauchen weder Meister noch § 7b. Kosmetik ist zulassungsfrei und steht in Anlage B der Handwerksordnung, die anderen drei sind kein zulassungspflichtiges Handwerk. In allen Fällen genügt die Gewerbeanmeldung; ob ein Eintrag bei der Handwerkskammer dazukommt, klärst du dort. Wer aus diesem Bereich kommt, findet den passenden Weg im Ratgeber Selbstständig als Kosmetikerin ohne eigenes Studio.
Barber dagegen fallen unter das Friseurhandwerk. Für sie gilt die Altgesellenregelung genauso wie für alle Friseure, mehr dazu im Barbershop-Ratgeber.
Und dann: der eigene Platz
Mit der Eintragung beginnt der Teil, um den es eigentlich geht. Die meisten Altgesellen wollen keinen eigenen Laden mit Mietvertrag über zehn Jahre, sie wollen mit ihren Kundinnen selbst abrechnen, auf eigene Rechnung. Der Weg dahin ist ein gemieteter Stuhl: tageweise oder fest, mit eigener Kasse, eigenen Preisen und eigenem Terminbuch. Was das kostet, was in den Vertrag gehört und wie du Scheinselbstständigkeit vermeidest, steht auf der Seite Stuhlmiete für Friseure. Den Stuhlmiete-Mustervertrag gibt es kostenlos.
Häufige Fragen zur Altgesellenregelung
Was ist ein Altgeselle?
Ein Altgeselle ist ein Geselle mit langer Berufserfahrung: mindestens sechs Jahre im Handwerk nach der Gesellenprüfung, davon vier in leitender Stellung. Mit dieser Erfahrung bekommt er nach § 7b HwO die Ausübungsberechtigung und darf sich ohne Meisterprüfung selbstständig machen.
Ab wann ist man Altgeselle?
Sobald nach der Gesellenprüfung sechs Jahre Berufstätigkeit im Handwerk zusammengekommen sind, davon vier Jahre in leitender Stellung. Die Zeiten erfüllen die Voraussetzungen von selbst; die Berechtigung bekommst du aber erst auf Antrag: Du beantragst die Ausübungsberechtigung bei der Handwerkskammer und lässt dich damit in die Handwerksrolle eintragen.
Was zählt bei der Altgesellenregelung als leitende Stellung?
Eigenverantwortliche Entscheidungsbefugnisse in einem Betrieb oder in einem wesentlichen Betriebsteil, so steht es in § 7b Abs. 1 Nr. 2 HwO. Ein Titel ist nicht nötig. Dazu zählen Personal einteilen, Termine planen, einkaufen, Kasse führen, Preise festlegen oder den Salon allein öffnen, sofern du es eigenverantwortlich getan hast und belegen kannst.
Was kostet die Altgesellenregelung?
Das legt jede Handwerkskammer selbst fest. Ein Beispiel: Die HWK Heilbronn-Franken nimmt 300 € für die Ausübungsberechtigung und 150 € für die Eintragung in die Handwerksrolle. Frag vor dem Antrag bei deiner Kammer nach, die meisten beraten dazu.
Muss ich als Altgeselle eine Prüfung machen?
In der Regel nicht. Die Kammer prüft Zeiten und Nachweise, keine Fachkenntnisse. Kaufmännische und rechtliche Kenntnisse gelten durch deine Berufserfahrung in der Regel als nachgewiesen. Nur wenn das nicht der Fall ist, musst du sie über einen Lehrgang oder auf anderem Weg nachweisen.
Was ist der Unterschied zwischen Altgeselle und Meister?
Beide stehen in der Handwerksrolle und dürfen einen Betrieb führen. Der Altgeselle hat keine Meisterprüfung abgelegt, darf den Titel „Friseurmeister“ nicht führen und braucht zum Ausbilden gesondert die Ausbildereignung. Der Weg dauert Wochen statt Jahre und kostet eine Verwaltungsgebühr statt mehrerer tausend Euro für Kurs und Prüfung.
Gilt die Altgesellenregelung für alle Handwerke?
Für alle zulassungspflichtigen Handwerke der Anlage A bis auf sechs: Schornsteinfeger, Augenoptiker, Hörakustiker, Orthopädietechniker, Orthopädieschuhmacher und Zahntechniker. Das Friseurhandwerk gehört nicht zu den Ausnahmen.
Kann die Kammer den Antrag ablehnen, obwohl ich die Jahre habe?
Nur wenn die Nachweise nicht reichen. Sind die Voraussetzungen belegt, muss die Berechtigung erteilt werden, § 7b HwO lässt kein Ermessen. Gegen eine Ablehnung ist Widerspruch möglich.
Darf ich als Altgeselle einen Stuhl mieten und selbstständig arbeiten?
Ja. Mit der Eintragung in die Handwerksrolle führst du einen eigenen, eingetragenen Friseurbetrieb, unabhängig davon, ob du einen eigenen Laden hast oder einen Stuhl in einem fremden Salon mietest. Der Salon, der vermietet, braucht selbst eine Eintragung, du brauchst deine eigene.
Viktor Straile ist Gründer von Buzz Hive, dem Marktplatz, auf dem Salons freie Plätze tageweise an Beauty Professionals vermieten.
Dieser Ratgeber ersetzt keine Rechtsberatung. Verbindlich entscheidet die Handwerkskammer an deinem künftigen Betriebssitz; sie berät vor dem Antrag kostenlos.